Die Carnivore-Diät erlebt einen regelrechten Hype. Immer mehr Menschen schwören darauf, sich ausschließlich von tierischen Produkten zu ernähren – Fleisch, Fisch, Eier, Knochenbrühe, Milch und in manchen Varianten auch tierische Fette wie Talg oder Butter. Doch ist das wirklich eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise?
In diesem Artikel nehme ich die Carnivore-Diät kritisch unter die Lupe. Ich erkläre, was genau dahintersteckt, welche Risiken und potenziellen Mängel sie mit sich bringt und warum viele Menschen von einem extremen Ernährungsstil (vegan) ins andere (carnivor) rutschen. Außerdem gehe ich auf den Mythos ein, dass unsere Vorfahren angeblich rein fleischfressend gelebt hätten und warum Influencer die Carnivore-Diät als neuen Markt für sich entdeckt haben.
1. Was ist die Carnivore-Diät?
Die Carnivore-Diät ist eine Ernährungsform, die ausschließlich tierische Produkte erlaubt. Pflanzliche Lebensmittel werden strikt vermieden. In ihrer extremsten Form besteht sie nur aus Fleisch, Innereien, Fett und Knochenbrühe. Manche Varianten erlauben auch Milchprodukte oder Eier.
Die Idee dahinter ist, dass pflanzliche Lebensmittel vermeintlich „unnatürlich“ für den Menschen seien und nur tierische Produkte alle Nährstoffe in optimaler Form liefern würden. Anhänger der Carnivore-Ernährung argumentieren, dass sie damit Entzündungen reduzieren, Autoimmunerkrankungen lindern und den Stoffwechsel optimieren können. Doch ist das wirklich haltbar?
2. Carnivore als restriktive Radikaldiät
Die Carnivore-Ernährung ist eine extrem restriktive Diät. Sie basiert auf dem völligen Ausschluss pflanzlicher Lebensmittel, was bedeutet, dass du auf eine riesige Palette an Nährstoffquellen verzichtest. Das ist das typische Muster einer Radikaldiät: Eine komplette Lebensmittelgruppe wird verteufelt und gestrichen, während die verbleibende Gruppe als die einzig „wahre“ Ernährung gefeiert wird.
3. Die Nachteile restriktiver Ernährungsformen
Radikale Diäten haben fast immer Nachteile:
- Nährstoffmängel: Je eingeschränkter die Nahrungsmittelauswahl, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Defizite.
- Anpassungsschwierigkeiten des Körpers: Kurzfristige Verbesserungen durch den Ausschluss problematischer Lebensmittel können den Eindruck erwecken, dass die Diät optimal sei – doch oft treten nach Jahren gesundheitliche Probleme auf.
- Psychologische Effekte: Restriktive Ernährungsweisen können zu zwanghaftem Essverhalten, sozialer Isolation und Essstörungen führen.
- Unzureichende langfristige Studien: Viele Diät-Trends basieren auf Anekdoten, nicht auf langfristigen wissenschaftlichen Daten.
4. Vom Veganismus zur Carnivore-Diät – Vom einen Extrem ins andere
Ein interessanter Punkt ist, dass viele Menschen, die die Carnivore-Diät ausprobieren, zuvor vegan gelebt haben. Das ist kein Zufall.
Die vegane Ernährung ist ebenfalls eine sehr restriktive Ernährungsweise, die große Herausforderungen mit sich bringt – vor allem im Hinblick auf essenzielle Nährstoffe wie Vitamin B12, Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Zink und fettlösliche Vitamine. Viele Menschen erleben nach längerer veganer Ernährung gesundheitliche Probleme und machen dann den Umkehrschluss:
„Wenn vegan schlecht für mich war, dann muss das genaue Gegenteil – rein tierische Ernährung – gut sein.“
Das ist eine klassische Schwarz-Weiß-Falle. Doch genau wie die vegane Ernährung mit ihren Mängeln kämpft, hat auch die Carnivore-Diät gravierende Probleme.
5. Reichen Fleisch, Eier, Knochenbrühe und Milch aus?
Ein großes Problem der Carnivore-Ernährung ist, dass viele Menschen sie nicht in einer ganzheitlichen, nährstoffdeckenden Form umsetzen.
Viele essen fast ausschließlich Muskelfleisch, Eier, etwas Butter und trinken Knochenbrühe. Doch das reicht nicht! Wer sich carnivor ernährt, muss das gesamte Tier verwerten – inklusive Organen wie Leber, Niere, Milz, Gehirn und Knochenmark. Nur so kommt man an alle Mikronährstoffe, die der Körper braucht.
Ein weiteres Problem: Der menschliche Körper hat Nährstoffspeicher, die über Jahre halten können. Viele Menschen fühlen sich in den ersten Jahren mit der Carnivore-Diät großartig, weil sie noch von gespeicherten Nährstoffen zehren. Doch nach 3–5 Jahren kann es plötzlich zu Mängeln kommen – insbesondere bei Vitamin C, Magnesium, Kalium, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die für viele Stoffwechselprozesse essenziell sind.
6. Der Mythos der „carnivoren Vorfahren“
Carnivore-Anhänger behaupten oft, dass unsere Vorfahren sich rein fleischbasiert ernährt hätten. Oder sie ziehen Inuit als Beispiel heran. Doch das ist eine verzerrte Darstellung.
- Jäger und Sammler waren keine reinen Fleischesser. Sie aßen alles, was verfügbar war: Fleisch, Fisch, Wurzeln, Beeren, Kräuter, Nüsse, Honig und mehr.
- Die Inuit verwerteten das gesamte Tier. Sie aßen nicht nur Muskelfleisch, sondern auch Innereien, Knochenmark und fermentierte Organe. Zudem konsumierten sie Meerestiere, die sehr reich an Omega-3-Fettsäuren und fettlöslichen Vitaminen sind.
- Lange Lebensdauer? Fehlanzeige! Die Inuit hatten eine niedrige Lebenserwartung und litten häufig an Osteoporose und Vitamin-C-Mangel.
Die romantisierte Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus ein Carnivore sei, hält also wissenschaftlich nicht stand.
7. Carnivore-Influencer und der neue Markt
Wie bei jeder Trend-Diät gibt es mittlerweile eine wachsende Industrie, die davon profitiert. Influencer, die sich als Carnivore-Gurus positionieren, verkaufen Produkte wie:
- Fleischsnacks
- Collagenpulver
- Talg-Produkte
- „Carnivore-freundliche“ Nahrungsergänzungsmittel
Das Problem: Viele dieser Influencer sind selbst erst seit wenigen Monaten oder Jahren carnivor und können keine langfristigen Erfahrungswerte liefern. Aussagen wie „Mir geht es so gut wie nie zuvor!“ sind wenig aussagekräftig, weil viele gesundheitliche Probleme erst nach Jahren auftreten.
8. Fehlende Langzeitstudien und Risiken
Ein weiteres großes Problem: Es gibt keine Langzeitstudien zur Carnivore-Diät.
Die langfristigen Folgen sind unklar, aber einige potenzielle Risiken sind:
- Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch exzessiven Fleischkonsum
- Mangel an Vitamin C und anderen Antioxidantien
- Reduzierte Darmgesundheit durch fehlende Ballaststoffe
- Belastung der Nieren durch hohe Proteinmengen
Solange es keine belastbaren Langzeitdaten gibt, ist die Carnivore-Diät ein Experiment – mit unbekannten Risiken.
9. Parallelen zur veganen Diät
Interessanterweise hat die Carnivore-Diät viele Parallelen zum Veganismus:
- Beide basieren auf einem simplen, radikalen Prinzip.
- Beide verteufeln eine komplette Lebensmittelgruppe.
- Beide versprechen schnelle gesundheitliche Verbesserungen.
- Beide haben eine starke Community und eine „Glaubenshaltung“.
Der menschliche Körper ist aber für eine vielseitige, ausgewogene Ernährung gemacht. Extrem-Diäten sind selten nachhaltig – weder vegan noch carnivor.
Fazit: Carnivore – ein riskantes Experiment
Die Carnivore-Diät mag für manche kurzfristig positive Effekte haben, aber auf lange Sicht ist sie mit hohen Risiken verbunden. Der Mensch ist kein reiner Fleischfresser – und eine einseitige Ernährung hat fast immer Konsequenzen.
Statt von einem Extrem ins nächste zu rutschen, ist es sinnvoller, eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung anzustreben – ohne dogmatische Verbote und radikale Einschränkungen.
Quellenangaben
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Allgemeine Informationen zur Carnivore-Diät
- Baker, S. (2019). The Carnivore Diet. Victory Belt Publishing.
- O'Connor, A. (2019). "The ‘Carnivore Diet’ Is the Latest Fad, and It Involves Eating Only Meat". The New York Times.
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Nährstoffmängel und Risiken restriktiver Diäten
- Melina, V., Craig, W., & Levin, S. (2016). "Position of the Academy of Nutrition and Dietetics: Vegetarian Diets". Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics, 116(12), 1970-1980.
- Cordain, L. (2002). The Paleo Diet: Lose Weight and Get Healthy by Eating the Foods You Were Designed to Eat. Wiley.
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Vergleich zu traditionellen Ernährungsweisen (Jäger und Sammler, Inuit)
- Cordain, L., Eaton, S. B., Sebastian, A., Mann, N., Lindeberg, S., Watkins, B. A., O'Keefe, J. H., & Brand-Miller, J. (2005). "Origins and evolution of the Western diet: health implications for the 21st century". The American Journal of Clinical Nutrition, 81(2), 341-354.
- Stefansson, V. (1946). Not by Bread Alone. Macmillan. (Erfahrungen mit der Inuit-Ernährung, aber umstrittene Interpretation)
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Fehlende Langzeitstudien und gesundheitliche Risiken
- Seidelmann, S. B., Claggett, B., Cheng, S., Henglin, M., Shah, A., Steffen, L. M., Folsom, A. R., Rimm, E. B., & Willett, W. C. (2018). "Dietary carbohydrate intake and mortality: a prospective cohort study and meta-analysis". The Lancet Public Health, 3(9), e419-e428.
- Satija, A., & Hu, F. B. (2018). "Plant-based diets and cardiovascular health". Trends in Cardiovascular Medicine, 28(7), 437-441.